destiny in literature

Alexandra Haber

Leseprobe


Von Wölfen und Raben - Die Rache der Wienke tom Brooke


Nach dem tragischen Tod ihres Vaters wird die Vollwaise Wienke tom Brooke von dem gut situierten, dubiosen Kaufmann Olrik Willems aufgenommen und nur sie beide kennen den wahren Grund dafür. Ein toxisches Verhältnis aus Hass und Reue, Vergeltungshunger und Niedertracht entwickelt sich zwischen den beiden.

Während ihrer Mädchenjahre schließt Wienke verschiedene Bekanntschaften. Zum einen sind da Haro, der sie vor dem Flammentod rettet, und Enno, der lüsterne Sohn ihres Vormunds. Außerdem werden Wienkes sprechender Rabe Claus und ihre taube Freundin Antje zu ihren treuen Verbündeten.

Als Wienke nach vielen Jahren zu einer eigensinnigen Frau und ernstzunehmenden Bedrohung für ihren Vormund wird, tritt ein weiterer Mensch in ihr Leben, der für sie gefährlicher sein wird als alles, was sie bisher erlebt hat.

Um sich zu retten, muss Wienke die einzige Person wiederfinden, die die Wahrheit über das Verbrechen kennt, das vor vielen Jahren Ursache für Wienkes Unglück war: ihre Großmutter.


Kapitel 1

Spätsommer 1963

Er bringt dich um! Hier kommst du nicht mehr raus! Du bist tot! Du bist tot! Er bringt dich um!

In Wienkes Kopf tobten die Gedanken. Sie wollte heulen, aber ihr Atem ging so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam, geschweige denn schluchzen konnte.

Der Jäger hatte ihr den Rücken zugewandt.

Nun drehte er sich halb zu ihr herum, ohne sie jedoch dabei anzusehen. Schon seit Minuten spielte er mit einem scharfen Jagdmesser, prüfte mit dem Daumen die Klinge und drehte es zwischen den Händen. Er wollte ihr Angst machen und das gelang ihm wirklich bestens. Wienkes Nerven lagen blank. Sie sah sich einem schmerzhaften Tod gegenüber.

»So ist das nun einmal im Leben, Mäuschen. Man kann nichts vorausplanen«, sagte der Jäger und klang ätzend gut gelaunt. »Weißt du, mit unserer Gesellschaft geht es aus nur einem Grund stetig bergab: Sie hat vergessen, dass die Menschheit noch immer aus Jagenden und Gejagten besteht. Das ist der Lauf der Natur und hat sich niemals geändert. Man braucht nur einmal einen Blick auf Berlin zu werfen. Aus heiterem Himmel steht da eine Mauer und die Maus sitzt in der Falle, ohne zu begreifen, wann das denn passiert ist.« Nun sah er Wienke über die Schulter hinweg an und lächelte. Seine stahlgrauen Augen glühten im schwachen Feuerschein.

»Aber ich will nicht ungerecht sein, denn du hast es ja schließlich verstanden. Du hast es nicht einmal vergessen, habe ich recht? Sonst hättest du mich nicht so schnell bemerkt. Und das hatte schon einen ungeheuren Reiz! Die meisten bemerken mich erst, wenn ich direkt vor ihrer Nase stehe. Das ist mitunter ziemlich langweilig. Wo kommst du her? Wer bist du? Was hast du vor mit mir? Immer dasselbe. Aber du wusstest sofort ganz genau, woher ich komme!

Sag, hast du mich an der Ampel tatsächlich zum ersten Mal gesehen oder vorher schon? Ich könnte schwören, du wärst bereits zuvor schneller gegangen. Instinkt nennt man das. Ich hatte schon geglaubt, so etwas würde ich niemals finden. Damit hast du mir eine große Freude bereitet.«

Wienkes Brust hob und senkte sich unregelmäßig.

Der Jäger spielte noch immer mit seinem verfluchten Jagdmesser, doch schließlich legte er es sichtbar auf der Tischplatte ab und erklärte gelassen: »Wie dem auch sei. Willst du vielleicht lieber wissen, wie viel du ihm wert warst?«

Wienke zuckte zusammen und sah ihn aus dem Augenwinkel alarmiert an. Er stützte sich gegen den Kaminsims und musterte sie gönnerhaft.

»Du weißt schon, von wem ich spreche. Er war wirklich spendabel, weißt du?« Er nannte ihr die sündhaft hohe Summe. »Ist das zu fassen? Und zwar nur fürs Finden. Die noch ausstehende Pauschale wiederum soll mich dazu bringen, dafür zu sorgen, dass er dir, ich zitiere, nie wieder so gegenübersteht, wie wir beide es gerade tun

Bei diesen Worten kam der Mann zu ihr und hob mit dem Finger ihr Gesicht an. Er zwinkerte ihr zu, ging vor ihr in die Hocke und fuhr mit einem süffisanten Grinsen fort: »Ich muss gestehen, dass diese Situation für uns beide neu ist. Nicht nur für dich. Das ist mein Ernst! Weißt du, für gewöhnlich setzt man mich und meine Fähigkeiten für ganz andere Leute ein. Kleine und größere Gauner. Zwischendurch schon mal Ehebrecher. Nicht selten sind sie allerdings auch von Grund auf anständig. Aber es sind nun einmal immer Männer, die ich suchen soll. Es ist ungewöhnlich, dass jemand so viel Geld für ein junges Fräulein herausrückt, nur um es nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Und du bist ja ganz nett, wie finde. Zuerst befand ich es ja für unter meiner Würde, mich auf so etwas einzulassen. Aber es hatte auch seinen Reiz, glaubst du mir das? Es ist mal etwas anderes. Für gewöhnlich stelle ich keine Fragen, deshalb greifen sie auch so unfassbar gern auf mich zurück. In diesem Falle wüsste ich jedoch schon gern, was dich so kostbar gemacht hat. Willst du es mir verraten?«

Wienkes Arme kribbelten.

Der Jäger hatte sie ihr über dem Kopf an einer in die Wand eingelassenen Halterung festgebunden. Der unebene Fußboden, auf dem sie saß, war unbequem.

»Ich kann aber auch erst einmal versuchen zu raten. Hast du etwas gestohlen? Ein Geheimnis vielleicht, von dem niemand etwas wissen soll? Oder bist du eine wertvolle Zeugin? Hast du ihn vielleicht bei einem Verbrechen beobachtet?«

Er war näher dran, als er wusste. Wienke schluckte schwer, einem unterdrückten Schluchzen gleich. Sie wich seinem Blick aus. Richtig sanft nahm er ihr Kinn in die Hand, damit sie ihn ansah.

»Komm schon! Spann mich nicht auf die Folter.«

Dem letzten Wort verlieh er fiesen Nachdruck.

Sein stetes Lächeln, das ihn beinahe freundlich aussehen ließ, jagte Wienke eisige Schauer über den Rücken und sie drehte mit einem Ruck ihr Gesicht aus seinem Griff.

»Was mich ebenso erstaunt hat wie die exorbitante Summe, die er herausrückt, war noch etwas anderes, weißt du?« Der Jäger sprach mit ihr, als ob sie sich bei einem Plausch in einem Café gegenübersäßen. »Und zwar hat er mir die völlige Entscheidungsfreiheit überlassen.«

Wie sollte sie das denn bitte verstehen?

Wienke stand kurz vor einem hysterischen Anfall. Sie wollte um sich schlagen, dem Kerl mit den Füßen sein Lächeln aus dem Gesicht treten und so weit rennen, wie sie nur konnte.

»Er hat mir nicht gesagt, was ich denn mit dir tun soll, sobald ich dich habe. Ich solle tun, was immer mir gefalle, bestenfalls das, was ich am besten könne. Das war seine Antwort. Kannst du dir das vorstellen?«

Willems war so ein Mistkerl! Sie hätte ihn töten sollen, als sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte! Er hatte diesem Jäger die uneingeschränkte Freiheit gelassen, Wienke zu misshandeln, zu schänden und grausam umzubringen. So sah es aus!

Tränen der Wut und Angst traten ihr aus den Augen.

Beinahe zärtlich wischte der Mann eine mit dem Daumen weg.

»Nicht doch«, sagte er salbungsvoll und legte sein schattiges Lächeln nicht ab. »Keine Sorge, ich werde sicher nicht das tun, was ich sonst mit ihnen allen mache. Und das ist jedes Mal eine hässliche Angelegenheit, glaub mir. Alles klebrig und unangenehm.« Beim Sprechen kam er näher, schob das rote Barett von ihren Locken und seine Lippen berührten ganz leicht ihr Ohr. »Für dich will ich mir etwas ganz Besonderes überlegen. Wer so schnell rennen und denken kann, muss auch entsprechend gewürdigt werden, meinst du nicht auch?« Sowohl seine Worte als auch seine Nähe lösten einen Gänsehautschauer bei ihr aus und Wienke trat nach ihm. Er fing ihren Tritt ab und lachte unbeeindruckt.

»Du hast dich bei der Jagd zu sehr verausgabt, fürchte ich«, hohnlächelte der Jäger. »Ich glaube, deine Kräfte haben nachgelassen.«

Das war doch dein Ziel, du gemeiner Kerl!

Wienke hörte ihn einatmen. Sein Gesicht war in ihren Haaren versunken. Sie wusste ganz genau, was ihr noch bevorstand, bevor er sie umbringen würde.

»Mmmh«, machte er genüsslich. »Du duftest wirklich köstlich. Schmeckst du auch so gut?«

Als er sie ansah, loderten seine Augen.

Er legte die Fingerspitzen auf ihren Mund. Dabei trug er Handschuhe und das kühle Leder schien auf ihrer Haut zu brennen.

Wienke fühlte, wie seine Finger ihre Gesichtszüge nachzeichneten, sanft in ihr Kinn kniffen und auf ihre Lippen drückten. Mit jeder Berührung wurde ihr kälter, die Angst presste sich auf ihr Herz. Weich streichelte der Jäger mit dem Fingerknöchel ihre Wangen, lächelte sein Raubtierlächeln und raunte ihr zu: »Er sagte mir, du wärst gefährlich. Das sehe ich. Du hast raffinierte Augen. Die übrigens sehr schön sind! Und glaube mir, ich habe viele Augen gesehen. Sie sagen mir alles, was ich wissen muss. Dein Blick ist sehr berechnend. Ja, glaub es mir ruhig, du brauchst mich gar nicht so hasserfüllt anzusehen! Also stelle ich mir doch wirklich die Frage, was du angestellt hast.«

Wienke hatte Angst, dass er ihr ansah, wie fragil sie in dieser Angelegenheit war. Und das tat er! Willems wollte sie nicht grundlos aus dem Weg räumen. Und dafür hatte er ordentlich in die Tasche gegriffen, wie sie gerade gehört hatte. Die Wahrheit war weitaus mehr wert, als sich dieser Jäger vorstellen konnte. Aber er ahnte es, er war ja nicht blöd. Nur deshalb lebte sie noch! Sonst hätte er sie schon im Wald umgebracht.

»Wir haben alle Zeit der Welt, Mäuschen«, säuselte der Jäger und blinzelte glühend. »Du wirst mir schon alles sagen, was ich wissen möchte. Und wenn ich mit dir fertig bin, magst du mich am Ende vielleicht sogar ein bisschen.«

Wienke fühlte, wie seine Lippen sich auf ihren geknebelten Mund drückten und bedächtig darüber glitten. Wieso hatte er das überhaupt getan? Hatte Willems ihm etwa nicht erzählt, dass sie …

Vor Aufregung konnte sie kaum noch atmen. Wienke wollte einen einzigen klaren Gedanken fassen, aber die Ausweglosigkeit ihrer Lage, die Unverschämtheiten des Jägers und seine ungewohnte Nähe ließen sie gleichgültig gegenüber den etwaigen Folgen ihres Handelns werden. Sie trat noch einmal mit beiden Füßen nach ihm, ein kurzes Knurren seinerseits war aber auch schon alles, was sie damit erreichte; dann lachte er nur belustigt und zeigte eine Reihe weißer Zähne, als er ihr zuraunte: »Sehr gut, wehre dich ruhig! Ich mag das!«

Sie schauten einander in die Augen und in den seinen lag eine solche Unberechenbarkeit, die Wienke spüren ließ, dass sie nichts gegen diesen Mann ausrichten konnte.

Um sie in diesem Begreifen zu bestätigen, stahl er ihr eine Reihe an Küssen und schien sich an ihren verzweifelten Hieben mit den Knien gegen seine Rippen nicht im Geringsten zu stören.

Der Duft des Jägers war verstörend angenehm. Gutes Rasierwasser, Leder und Tabak. Und noch irgendetwas, das Wienke nicht benennen konnte. Sie spürte seine frischen Bartstoppeln. Seine Zungenspitze, die den Bogen ihrer Oberlippe nachzeichnete.

»Sei ganz still«, knurrte er genüsslich. »Ich werde dir noch nicht wehtun. Vorausgesetzt, dass du reden wirst!« Den letzten Satz sagte er plötzlich nicht mehr säuselnd und sanft, er wurde scharf und unmissverständlich und seine Hand umschloss grob ihr Kinn. Die grauen Stahlaugen nahmen einen durchdringenden Ausdruck an und Wienke wusste, dass sie von nun an mehr in Gefahr schwebte als je zuvor. Willems hatte seinen Söldner vollkommen unterschätzt. Dieser Mann hatte die ganze Sache mit einem Blick durchschaut und nie vorgehabt, Wienke einfach so verschwinden zu lassen, bevor er nicht wusste, was Willems da verstecken wollte.

Ihre Blicke trafen sich und beide kannten die Gedanken des anderen. Und da erschien auch schon wieder das knisternde Lächeln, eine stumme Verheißung, die Wienke das Blut in den Adern gefrieren ließ.

»Vertrau mir«, sagte er heiß. »Du und ich werden uns schon verstehen. Wir sprechen eine Sprache, das weiß ich genau.«

***

In ihren Augen lagen Begreifen und Vorahnung.

Theißen war völlig klar, dass er es hier nicht mit irgendeiner halbblöden Minderjährigen zu tun hatte, die zufällig bei ihrem gehässigen Vormund in Ungnade gefallen war. Sie war der Schlüssel zu irgendetwas, das weit wertvoller war als die Summe, die er für ihre Beseitigung erhielt. Doch Theißen war sich ziemlich sicher, dass sie leicht zu knacken sein würde. Ihre Angst war seine Verbündete; sie würde schon reden. Ihr persönliches Glück war es, dass sie ein so unfassbar entzückendes Wesen war.

Theißen schob seinen Finger an die pochende Stelle an ihrem Hals, wo der warme Puls schlug; hart und schnell. Sein Mund näherte sich wieder dem ihren und wanderte an ihrer Wange hinauf, küsste sie auf die grünen Augen und auf die Nasenspitze. Ihr Mund war voll und süß. Ein weiches Gesicht, das man einfach mit Küssen überhäufen musste.

Ein Schauer nach dem anderen durchzuckte Wienke tom Brooke. Theißens Hände hielten ihr Gesicht umschlossen, mit einer Hand glitt er nun an ihrem linken Arm hinauf und schob den Ärmel des Anoraks zurück, bis die weiße, weiche Haut des inneren Unterarmes frei lag. Genüsslich schmiegte Theißen seine Lippen an die kühle Haut und das Kitzeln und Kratzen seiner Bartstoppeln ließ die junge Frau erneut schaudern. Sie duftete nach Creme.

»Ah, du hast eine wunderschöne Haut«, flüsterte Theißen. »Wie süße Sahne. Da möchte man ja glatt hinein- ...« Er biss kräftig zu, bis er Blut schmeckte und Wienke zuckte zusammen, als habe er ihr einen elektrischen Schlag versetzt. Doch sie blieb mucksmäuschenstill, lediglich ein paar weitere Knuffe ihres Knies trafen ihn irgendwohin, was Theißen nicht weiter beeindruckte.

Er begann, fest an der Stelle zu saugen, solange bis ein blauer Fleck um den blutigen Abdruck seiner Zähne entstand.

Theißen suchte ihren Blick. Die pfefferminzgrünen Augen gingen aufgeregt hin und her und straften ihn mit unausgesprochenen Verwünschungen.

»Entschuldige«, flüsterte er grinsend. »Aber ich konnte einfach nicht widerstehen.«

Er küsste ihren rosigen Mund, das fein geschwungene Kinn, die Wangen und den Puls.

»Ich will gern mit der sanften Tour beginnen. Du darfst feiern, denn das ist eine Premiere. Was ich danach mit dir tun muss, hängt ganz allein von dir ab.«

Theißen nahm den Knebel aus ihrem Mund und küsste sie auf den rechten Mundwinkel. Sie sagte nichts. Also löste er ihre Fesseln und zog sie an den Handgelenken auf ihre Füße. Zuerst tat sie nichts. Theißen legte die Arme um sie und küsste sie weiter. Sie wägte noch ab, wie sie nun vorgehen sollte. Welche Chancen sie hatte und welche Risiken sie dabei einging. Sie war ja nicht blöd!

Theißen hielt sie eisern an sich gepresst, atmete ihren Duft ein und schmeckte die Weichheit ihres Mundes, den sie störrisch geschlossen hielt. Endlich begann sie zu versuchen, sich aus seiner Umklammerung zu drehen.

»Nur zu, du darfst gerne kämpfen, Wienke.« Wie angenehm ihm ihr Name über die Lippen kam. »Das macht es für mich nur umso reizvoller.«

Ihr schnelles Atmen machte ihn an. Nie hielt sie den Blick, sie versuchte immer, auszuweichen. Mit einer Hand hielt er ihre rechte umschlossen, mit der anderen drückte er ihren warmen Körper an sich. Theißen glitt mit den Lippen an der warmen Stelle unterhalb ihres Ohres entlang und lachte leise: »Man nennt mich den Wolf, Wienke tom Brooke.«


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